«Ich bin über mich hinausgewachsen» – wie partizipative Projekte Menschen weiterbringen

Was passiert mit Menschen, wenn sie mitgestalten dürfen? Wenn aus Teilhabe echte Verantwortung wird? Die Auswertung aus unseren Lernprojekten zeigt eindrucksvoll, wie tiefgreifend sich persönliche Entwicklung im Rahmen partizipativer Projekte vollziehen kann – von neuen Fähigkeiten bis hin zu veränderten Lebensentwürfen.

Die Teilnahme an Partizipationsprojekten kann erfüllend sein, aber auch frustrieren » vgl. dazu die entsprechenden Texte auf unserer Website. Sie verändert Menschen aber auf persönlicher Ebene auch nachhaltig. In diesem Beitrag beleuchten wir dazu einige Dimensionen der persönlichen Entwicklung.

«Man geht mit etwas Neuem raus» – als Person gestärkt und oft reflektierter

Die Teilnehmenden in unseren » Lernprojekten schildern unterschiedliche Veränderungen. Als wichtig erachten sie dabei eine nicht einfach fassbare Veränderung der Selbstwahrnehmung. Eine Teilnehmerin an der Projektschmiede in Wolfurt beschreibt es so:

«Ja, man geht schon komplett anders wieder raus, wie man reinging, oder? Ich ging gestärkt aus dem Projekt. Das ist vielleicht nicht die richtige Beschreibung, aber doch – irgendwie schon.»

Dieses Gefühl einer neuen Stärke kommt von erfahrener Selbstwirksamkeit: Das eigene Tun bewirkt etwas, auch wenn es nur bedeutet: «Ich habe ein gutes Feedback auf eine eingebrachte Idee bekommen», so ein Teilnehmer der Projektschmiede Wolfurt. Solche Erlebnisse verleihen Selbstvertrauen – und machen Lust auf mehr, auch darauf, Verantwortung zu übernehmen.

Projekte bringen einen aber auch dazu, sich und das eigene Tun zu hinterfragen – was ebenfalls stärkend wirken kann. Denn man kann nicht alles allein machen, sondern muss mit anderen zusammenarbeiten:

«Also ich würde schon sagen, ich verändere mich, ich werde auf jeden Fall herausgefordert und wachse. Auch mit meiner alten Sichtweise, mit meinen Triggerpunkten, die ich mitbringe – und reflektieren muss.» (ein Zukunftsgestalter im Schloss Blumenfeld)

Für einen Teilnehmer des Einwohner:innenpanels in Thalwil war das Tempo der Diskussionen anfänglich viel zu tief. Seinen eigenen Lernprozess während dem Panel beschreibt er wie folgt:

«Ich bin mir aus meinem Beruf eine ganz andere Taktrate gewöhnt in Meetings, in Entscheidungsprozessen. Aber ich musste dann einfach persönlich einsehen, dass mein Tempo einfach zu schnell ist für ein solches Panel. Das war eine Challenge für mich persönlich – und im Nachhinein gesehen eine sehr gute».

Verantwortung weiterdenken – über das Projekt hinaus

Neben der Persönlichkeitsentwicklung gehen die Teilnehmenden auch mit einem anderen Blick auf die Umwelt wieder aus Projekten hinaus. Themen wie Klima, Gemeinwohl oder Mitbestimmung werden durch die Projektarbeit präsenter. «Ich sehe jetzt ganz anders, was in meiner Stadt in Bezug auf Klimaschutz passiert, oder eben nicht», sagt eine Teilnehmerin des Klimajugendrates. Es kann auch ein neuer Realismus entstehen: Geduld für langfristige Prozesse, und fast noch wichtiger: Verständnis für Widerstände. Viele betonen, wie wichtig es ist, Menschen in ihren Rollen ernst zu nehmen – auch wenn man deren Entscheidung nicht teilt. Denn über das Rollenverständnis wird klarer, warum gewisse Menschen Entscheidungen genauso treffen, oder gar treffen müssen.  

Konkrete Kompetenzen fürs Leben – und eine lebensentwurfsverändernde Erfahrung

Neben diesen übergeordneten persönlichen Entwicklungen kommt es nicht selten zum Erwerb von handfesten Kompetenzen. Projektmanagement, Zeitplanung, Finanzverwaltung, Moderieren von Veranstaltungen – das sind keine leeren Schlagworte. Vielmehr sind es Fähigkeiten, die in partizipativen Projekten notwendig sind, geübt und dann später auch in anderen Situationen angewendet werden können.

Ein Mitgestalter des Bike-Parks in Tettnang erzählt etwa, wie er seine Scheu vor Sponsoring-Akquise-Telefonaten abgelegt hat, was ihm nun auch in seinem weiteren Leben zugutekommt:

«Da musste ich ab und zu über meinen Schatten springen. Das lag daran, dass ich das einfach quasi musste, und das hat mir im Nachhinein schon ziemlich geholfen.»

Und schliesslich werden Fähigkeiten wie Kochen, Einkaufsplanung oder Reparieren gestärkt, wie die Umgestalter:innen eines alten Gasthauses beschreiben, wo zu wenig finanzielle Mittel für den Einkauf von externen Leistungen vorhanden waren.

Neben diesen konkreten Kompetenzen, die Teilnehmende erlernen, berichtet ein Teilnehmer gar davon, dass er sein Berufsleben auf Basis des Projekterlebens komplett umgestellt hat:

«Aber was bei mir die grösste Entwicklung war, war schlichtweg mein neuer Beruf. Ich habe durch dieses Projekt für mich realisiert, okay, alles klar, da muss was Neues her. Jugendheimerzieher ist dann daraus geworden.»

Neue Wege der Kommunikation

Etwas weniger leicht fassbar, aber umso wichtiger sind gemeinsame kommunikative Lernprozesse. Zwischenmenschliche Fähigkeiten sind das unsichtbare Fundament jedes Projekts – und des gemeinsamen Zusammenlebens. Und gerade hier wird in partizipativen Projekten viel erlebt. In offenen Gesprächsräumen lernte eine Zukunftsgestalterin im Schoss Blumenfeld, dass sie, «aus einer linken, feministischen Blase aus Berlin kommend», auch in einer anderen Umgebung positive Anknüpfungspunkte mit Menschen finden kann. Und dass sie sich mit anderen Ansichten «in dieser Art und Weise gerade voll gut finden und anfreunden» kann. So wird die Vielfalt individueller Perspektiven nicht nur toleriert, sondern aktiv einbezogen. Und reflektiert. Ein junger Teilnehmer des Klimarats in Dornbirn stellt sehr ehrlich fest:

«Mir ist im Projekt aufgefallen, dass ich zuvor im Prinzip immer ‘ichbezogen war’. Ich habe immer gedacht, ich nehme Meinungen gerne an. Ich habe aber erkannt, nein, das ist nicht so.»

Ähnlich beschreibt es auch ein weiterer Zukunftsgestalter im Schloss Blumenfeld:

«Ich glaube, wenn man die Sichtweisen von anderen versteht, dann kann man sich auch irgendwie erst in sie und in ihre Welt reinversetzen. Aber das zu schaffen, dass alle an einem Tisch sitzen und gemeinsam an Lösungen arbeiten, das finde ich gar nicht so einfach.»

Was ebenfalls nicht einfach ist, ist der Einbezug von schüchternen Teilnehmenden. Gelingt es jedoch, erleben anfänglich zurückhaltende Menschen, dass die eigene Meinung zählt. Der jüngste Teilnehmer des Thalwiler Einwohner:innen-Panels etwa sagte am ersten Tag praktisch nichts. «Wir wussten nicht, ob er am zweiten Tag wieder kommen würde», schildert die externe Projektbegleiterin. «Aber er kam wieder, begann, in die Diskussionen einzusteigen und wurde von den anderen gehört.»

Politik beginnt im Kleinen, und bewirkt Grosses

Neben all diesen Veränderungsprozessen auf persönlicher Ebene, haben partizipative Projekte nicht zuletzt auch eine gesellschaftliche und politische Dimension. Wer mitgestalten darf, will das oft auch über das Projekt hinaustun. Einige beginnen sich kommunalpolitisch zu engagieren. Das Interesse für Beteiligung ist geweckt und mit ihm die Überzeugung: Es lohnt sich, die eigene Stimme zu erheben. Genau über diesen Pfad wirken dann Einzelerfahrungen und ‑entwicklungen in die grössere Gesellschaft. Diesem Thema widmen wir uns in Kürze in einem weiteren Beitrag.